Mittwoch, 26. Januar 2011

Neujahrsempfang

Die Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen hat alle Selbsthilfeaktiven zum Neujahrsempfang eingeladen. Ich soll also eine Veranstaltung von „Weltmenschen“ besuchen, von denen mir wenige Tage vorher ein Zeuge Jehovas folgendes geschrieben hatte:
Aber zeigen Sie mir eine weltweite Organisation (politisch oder religiös), die auch nur annähernd das leistet, was Zeugen Jehovas leisten und was sie auch auszeichnet. Bitte seien Sie ehrlich.
Ich habe ja nun meine persönliche Freiheit gefunden. Also bin ich frei in meiner Entscheidung. Ich habe die Einladung dankbar angenommen.
Viele andere Selbsthilfeaktive waren ebenfalls gekommen. Freundliche, hilfsbereite, selbstlose Frauen und Männer jeden Alters, die nur ein Ziel haben, einander in der Not beizustehen. So viele Menschen werden von den unterschiedlichsten Nöten bedrückt und finden Verständnis bei denen, die die gleichen Sorgen drücken.
Depressionen, Spätfolgen der Kinderlähmung, Osteoporose, Essstörungen, Neurodermitis, Krebs, Probleme mit dem älter werden… so unendlich vieles. Manche Gruppe hat bereits das 20-jährige Jubiläum, andere, wie die der anonymen Sektenaussteiger, sind gerade gestartet. Alle Aktive haben eine Gemeinsamkeit, die Motivation zu helfen und füreinander da sein.
Dass diese Arbeit und das selbstlose Engagement durch diesen Neujahrsempfang gewürdigt wurde, war eine sehr schöne Geste und hat uns sehr gefreut. Vielen herzlichen Dank dafür.
Wir wurden von Frau Seidel mit launigen, frechen, Sau guten Neujahrswünschen begrüßt. Die musikalische Umrahmung übernahmen zwei sehr talentierte Jugendliche. Die Geschwister Schwamm. Sie spielten Duette von W.A. Mozart und A. Lidl, einem Zeitgenossen Mozarts. Ich persönlich war von ihrer Darbietung sehr berührt, die vor der Kulisse von traumhaft schönen, winterlichen Impressionen ein Gänsehautgefühl bei mir auslöste.
Nach einer kleinen Neujahrsgeschichte, folgte

Gebet eines Pfarrers von St. Lamberti zu Münster (1883)

Herr, setze dem Überfluss Grenzen
und lasse die Grenzen überflüssig werden.
Lasse die Leute kein falsches Geld machen,
aber auch das Geld keine falschen Leute.
Nimm den Ehefrauen das letzte Wort
und erinnere die Männer an ihr erstes.
Schenke unseren Freunden mehr Wahrheit
und der Wahrheit mehr Freunde.
Bessere solche Beamte, Geschäfts- und Arbeitsleute,
die wohl tätig, aber nicht wohltätig sind.
Gib den Regierenden ein besseres Deutsch
und den Deutschen eine bessere Regierung.
Herr, sorge dafür, dass wir in den Himmel kommen -
aber nicht sofort.
Amen.


Nach einer weiteren Darbietung der Geschwister Schwamm erfuhren wir, dass sich für das Jahr 2011 vier Freunde nach uns erkundigt hatten. Sie wollten uns begleiten.
Es waren die Freunde

Gesundheit
Frieden
Liebe
Zufriedenheit


Während die Geschwister Schwamm den offiziellen Teil mit einem weiteren Duett beschlossen und zum gemütlichen Teil überleiteten, bei dem man sich am Buffet mit Essen und Trinken stärken konnte, dachte ich über meine verlorenen Jahre nach.
Sicher hätte ich in all den Jahren einige Menschen getroffen, die dem Bild entsprachen, das die Wachtturm Literatur von „Weltmenschen“ zeichnet. Die „eigenliebig, geldliebend, anmaßend, hochmütig, Lästerer, den Eltern ungehorsam, undankbar … Verleumder, ohne Selbstbeherrschung, brutal, ohne Liebe zum Guten, Verräter“ usw. sind.
Doch ich habe eindeutig die Chance verpasst, Menschen zu treffen von denen Christus sagt: „Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet worden seid…“ Er erklärt ihnen, dass sie Hungrigen zu Essen gegen haben, Durstigen zu trinken, dass sie Fremde gastfreundlich aufgenommen haben und Nackte bekleideten. Sie haben nach Kranken gesehen (und Selbsthilfegruppen gegründet) und verfolgte im Gefängnis besucht. Hier habe ich Menschen getroffen, die christliche Nächstenliebe leben. Nicht nur predigen.
Nun bin ich also so ehrlich und sage ganz offen, dass mich dieser selbstlose Einsatz für den Nächsten sehr viel mehr beeindruckt als die weltweite Werbeaktion und Selbstbeweihräucherung der Wachtturm Organisation.
Es war für mich eine schöne, neue Erfahrung und ein angenehmer Abend, den ich mit dem Besuch der ersten Bilder Ausstellung abgeschlossen habe. Die Depressionsgruppe hat sehr beeindruckende Bilder präsentiert.
Das Schlusswort von Frau Seidel war:

„Ein Jahr ist wie Ebbe und Flut“

Dem schließe ich mich an. Ein Jahr kommt und ein Jahr geht. Das steht fest. Doch was die Gezeiten bringen kann man nie mit Bestimmtheit vorhersagen.

Samstag, 8. Januar 2011

Ein schöner Traum

Ein schöner Traum
Am 7. Jan. 2011 habe ich besonders einem Gespräch mit Pater Anselm Grün gelauscht. Der Moderator Giovanni di Lorenz führte es in der Sendung 3nach9 auf Radio Bremen. Als sehr betroffene Kultgeschädigte hat mich die milde, menschenfreundliche Art des Paters im Umgang mit solchen, die Probleme haben fasziniert. Seufzend dachte ich: „Ach wenn sowas doch auch bei den Zeugen Jehovas möglich wäre“.
In der Nacht hatte ich dann einen sehr intensiven Traum. Ich konnte mit meiner Mutter telefonieren und ihr zum 91. Geburtstag gratulieren. Der ist am 15. Januar. Meine Schwestern fragten mich mit strahlendem Lächeln, wie es mir denn geht und mein Bruder hatte Tränen in den Augen, als wir von alten Zeiten sprachen. Ich war so glücklich.
Jetzt, wo ich von meinem Traum schreibe habe ich Tränen in den Augen, denn es ist nur ein Traum. Ich habe meine Familie und meine Freunde verloren, weil die Wachtturm Organisation in unserem Land – und weltweit – dazu aufrufen darf, ehemalige Glaubensgenossen zu ächten. Sie fordert offen zur Diskriminierung auf. Beschimpft uns als verbündete des Teufels, als Gottesleugner und fordert in ihren Schriften dazu auf, sich vor Menschen wie mir zu ekeln. Es entstehen eine totale Kontaktsperre und ein völliger Zusammenbruch aller sozialen Bindungen. In meinem Fall nach 60 Jahren Zugehörigkeit zu dieser Religionsgemeinschaft aus dem einzigen Grund, dass ich nicht mehr alles glauben konnte was in den Wachttrum Schriften veröffentlicht wird. Wegen einiger von mir geäußerten zweifelnden Fragen wurde mir die Gemeinschaft entzogen.
Dr. Sack, vom Klinikum Rechts der Isar in München nennt das: ‚Die Bestrafung mit sozialem Tod‘.
Viele können sich nicht vorstellen in welche emotionale Verzweiflung man da hineingestoßen wird.
Ich wollte von meinem wunderbaren Traum erzählen. Es war in meinem Traum so einfach bei den Zeugen Jehovas auszutreten, wie bei der katholischen oder evangelischen Kirche. Ich konnte einfach gehen und trotzdem durfte ich weiter mit meiner Mutter und mit meinen Geschwistern telefonieren.
Aber als ich aufwachte, war wieder diese Trauer da. In unserem Land werden nur die Täter hinter dem Vorwand „Religionsfreiheit“ geschützt.
Uns nützt unsere Verfassung nichts, die auch uns eigentlich Glaubens- Gewissens- Meinungsfreiheit garantiert. Wenn wir von diesem Recht Gebrauch machen, werden wir wie Abschaum von denen behandelt, die sich für die einzig wahren Christen halten. Das ist unglaublich verletzend und ungerecht.
Trotzdem ich hatte wenigstens diesen schönen Traum.

Samstag, 18. Dezember 2010

Weihnachten 1947

Im Mai 1947 war unsere Odyssee endlich zu Ende. Nach acht langen Monaten waren wir nach unserer Flucht aus Jugoslawien über Österreich endlich in Weilheim bei meinem Vater angekommen. Meine Mutter und ich waren so sehr abgemagert, dass man um unser Überleben bangen musste. Meine beiden jüngeren Schwestern waren zwar traumatisiert und verängstigt aber körperlich noch einigermaßen stabil.
Nachdem meine Eltern unseren Garten, der zu dem Behelfsheim gehörte, das mein Vater als Betriebswohnung bekommen hatte, bestellen konnten und im Herbst eine gute Ernte an Kartoffeln, Möhren, Sellerie, Kohl, rote Beete, grüne Bohnen, Zwiebeln, Tomaten, Erbsen, Gurken und Salat hatten, war unsere Versorgung mit Nahrungsmitteln,relativ gut. Vor der Währungsreform war das nicht selbstverständlich. Die Zuteilungen auf die Lebensmittelkarten waren sehr knapp bemessen und in den Läden gab es ohne die Marken kaum etwas zu kaufen. Aber Mutter und Großmutter haben, wie in alten Zeiten, alles was an Obst und Gemüse nicht sofort verbraucht werden konnte konserviert und im Keller einen beachtlichen Wintervorrat angelegt.
Langsam haben wir die Überlebenstechniken gelernt und mit der etwas besseren Ernährung konnten wir uns auch ein wenig erholen.
Ich liebte es wenn wir zusammen mit unserem Vater am Samstag- oder Sonntagnachmittag in der Küche saßen. Mutti hatte meistens einen Hefekuchen gebacken. Es gab Malzkaffee. Er hieß Frank Kathreiner. Wir hatten keine Kaffeemaschine oder Kaffeefilter. Man brachte einfach das Wasser zum kochen und tat das Kaffeepulver hinein, ließ es kurz ziehen und dann wurde der Kaffee durch ein Teesieb in die Tasse gegossen. Natürlich war am Schluss auch noch Kaffeesatz in der Tasse, aber was machte das schon. Vati sagte, wenn ich mich etwas davor graute, der macht schön und dann habe ich versucht die rauen Brösel zu schlucken.
Papa erzählte von früher. Wie er von Tscherwenka nach Stanischitsch mit dem Fahrrad fuhr um Mutti zu besuchen. Von den Theaterstücken, in denen er mit Mutti und ihren Schwestern mitgewirkt hat. Er sang auch oft die alten Lieder. Ich konnte ihm dann stundenlang lauschen. Ich hatte großen Spaß, wenn er mit mir tanzte:
„Es geht nichts über die Gemütlichkeit, hajo, ahso. Haben wir kein Geld, hams die andern Leut’, hajo, ahso.“
An einem solchen, gemütlichen Nachmittag klopfte es an unserer Türe und ein freundlicher, älterer Herr bot ein Gespräch über die Bibel an. Großmutter hatte ihm aufgemacht. Als sie Bibel hörte, rief sie: „Heinrich komm her, des is was für dich. Des kannscht dir ruhig anhören, des is von der Bibel.“
Vati hätte sich nicht getraut, seiner Mutter zu widersprechen. Er ging zur Türe, hörte sich an, was der Herr zu sagen hatte und dann wandte er ein: „Ich will nichts mehr mit der Kirche zu tun haben. Ich habe an der Front gesehen, wie die Pfarrer die Waffen gesegnet haben. Dann haben sie die Soldaten in den Tod geschickt und selber blieben sie in sicherer Entfernung. Wenn das Gottes Wille war, dann will ich damit nichts mehr zu tun haben.“
„Das war nicht Gottes Wille“ antwortete der Besucher ruhig. „Der Krieg war eine Missachtung des 5. Gebotes in 2. Mose Kapitel 20 Vers 13: Du sollst nicht morden. Allerdings hat Gott in der Bibel vorausgesagt, dass ungehorsame Menschen in der Zeit des Endes große Kriege führen werden. Die Zeugen Jehovas haben den Kriegsdienst verweigert und wurden von Hitler in die Konzentrationslager gebracht und viele von ihnen starben.“
Er bot Vati ein Buch an mit dem Titel „Die Wahrheit wird euch frei machen“ an, in dem mehr darüber erklärt würde und das hilft die Bibel besser zu verstehen. In diesem Buch war eine Abhandlung darüber, dass Christus im Jahre 1914 im Himmel sein Königreich aufgerichtet habe.
Das Argument, dass die Zeugen Jehovas Kriegsdienstverweigerer waren, beeindruckte meinen Vater sehr aber er hatte es nicht so mit lesen – verständlicher Weise – wenn man bedenkt wie wenig Schule er besuchen konnte. Deshalb fragte er Mutti, ob sie das Buch haben möchte. Sie interessierte sich schon dafür, weil sie die Bibel gerne besser verstehen wollte und so überließ uns der nette Herr das Buch.
Als er wieder kam um zu hören wie es uns gefallen hat, hatte Mutti noch nicht viel gelesen und Vati gar nichts. Da bot er uns an, wöchentlich gemeinsam mit meinen Eltern das Buch zu besprechen und dann auch gleich alles was sie nicht verstehen sollten zu erklären. Meine Eltern waren von dem großzügigen Angebot sehr beeindruckt. Dass sich ein fremder Mensch so sehr darum bemühte, ihnen die Bibel zu erklären konnten sie kaum fassen. Sie waren damit einverstanden und so kam es dass wir ein sogenanntes Bibelstudium mit einem Bibelforscher hatten.
Die Wochen und Monate vergingen und wir bereiteten uns auf das erste Weihnachtsfest seit langem mit der ganzen Familie vor. Unser Vater besorgte während eines Sonntagsausfluges in den Wald einen kleinen Tannenbaum. Er hatte dafür extra seinen Fuchsschwanz, wie er seine Handsäge nannte, eingesteckt. Da schon ziemlich viel Schnee lag, war es gar nicht so leicht, einen passenden Baum zu finden.
Am Nachmittag des 24. Dezember, als wir Kinder sehr ungeduldig auf das Christkind warteten, sagte unsere Großmutter plötzlich, „kommt, wir wollen uns das Christkind in der Krippe anschauen“. Ausgerechnet jetzt, wo es jeden Moment zu uns kommen sollte, wollte Oma mit uns in die Stadt gehen. Es war doch so kalt und der Weg so weit und zu Hause war es viel spannender! Aber es gab keine Widerrede. Wenn Großmutter etwas anordnete hatten wir zu gehorchen. Sie ging also mit uns in die Stadt spazieren. Das hat es vorher noch nie gegeben. Wir besuchten die Ausstellung einer Weihnachtskrippe im Heilig Geist Spital. Sie war beleuchtet und die Figuren bewegten sich. Wir staunten mit großen Augen. Das Jesuskind in der Krippe flößte mir ehrfurchtsvolle Scheu ein. Die Hirten mit ihren Schafen die zu Maria und Josef kamen, waren so lebensecht. Ich war sehr beeindruckt. So war ich doch noch versöhnt und sehr berührt von dem, was wir gesehen haben.
Als wir dann um 5 Uhr abends nach Hause kamen, war das „Christkind“ natürlich schon da. Wir hatten es verpasst! Aber es hat uns einen geschmückten Tannenbaum gebracht. Ich fühle noch heute die Überraschung, mit der ich in der fast dunklen Küche diesen glitzernden Baum erkannt hatte. Das Lametta war – so vermute ich heute – noch von Weihnachten des Vorjahres. Wo sie die roten und weißen Kugeln aufgetrieben hatten, ist mir bis heute schleierhaft. Damals war es natürlich vom Christkind. Mutti zündete die Kerzen am Baum an. Das Glitzern war so feierlich und wir Kinder staunten mit offenem Mund und glänzenden Augen. Da ging plötzlich die Türe auf und ein neuer Schlitten polterte in die Stube. Das war vielleicht ein Hallo! Es gab doch tatsächlich eine echte Bescherung an diesem Weihnachtstag.
Damals ahnte ich noch nicht, dass es die allerletzte meines Lebens sein sollte.
Am ersten Weihnachts-Feiertag war der Besuch des Gottesdienstes Pflicht.
Für das Mittagessen hatte meine Mutter Rindssuppe vorbereitet, die ich so liebte. Als Nachtisch gab es Schaumknödel. Die werden mein Leben lang zu meinem Lieblingsnachtisch gehören.
Die Krönung des Tages war aber dann am Nachmittag die Crembit.
Es ist ein Rezept aus der Zeit der Österreich-ungarischen Donaumonarchie. Es sind mit einer köstlichen Vanille-Butter-Creme gefüllte Blätterteig Platten.
Während die Mama die Cremestückchen aufteilte lief mir das Wasser im Munde zusammen und ich konnte es kaum erwarten, bis wir endlich davon essen durften.
Weihnachten 1947 lag schon ziemlich viel Schnee. Darum gingen wir mit Vati anschließend zum Schlittenfahren. Dieser Schlitten war uns für die nächsten Jahre ein treuer Begleiter im Winter. Ich habe so manches Mal meine kleinen Geschwister mit ihm transportiert.
Weihnachten 1947 war ein unvergessliches Fest. Ein letztes Mal konnten wir unbeschwert eine Tradition mit der ganzen Familie feiern.
Wie es dazu kam erzähle ich in meinem Buch "Drei Wege - ein Ziel - Überleben"

Freitag, 17. Dezember 2010

Sublime Wort-Botschaften der Wachtturm-Literatur

Durchforscht man die Veröffentlichungen der Wachtturm-Gesellschaft nach Lebensberichten und Erfahrungen, begegnet man sehr häufig den Aussagen: Wir haben unser Haus oder unser Geschäft oder Besitz verkauft, ein Studium abgebrochen, auf eine Karriere verzichtet, die Lebensversicherung oder die Altersversorgung vorzeitig gekündigt weil wir glaubten, in der kurzen Zeit bis Harmagedon ist nichts wichtiger als die gute Botschaft vom Königreich zu predigen.

Aber man sucht in der Wachtturm-Literatur vergeblich nach einer direkten Aufforderung Häuser und Besitz zu verkaufen oder die Lebensversicherung und Altersversorgung vorzeitig zu kündigen.

Was veranlasst Gläubige, solche extremen Entscheidungen zu treffen?

Es sind sublime Botschaften. Der Duden umschreibt sublim: erhaben; fein; nur einem feineren Verständnis oder Empfinden zugängig.

Jehovas Zeugen sind mit ihrem ‚gut geschulten Gewissen’ diesem feineren Verständnis oder Empfinden zugänglich.

Versuchen wir am Beispiel eines Artikels aus dem Wachtturm vom 15. Februar 2011 diese feinen, sublimen Botschaften zu analysieren.

Der Artikel hat die Überschrift:

„Gottes Anerkennung zu gewinnen bringt ewiges Leben ein“

Welche Botschaft signalisiert dieser Titel? Gewinnen ist sicher nicht im Sinne eines Lottogewinnes gemeint. Es soll wohl bedeuten, dass der Lohn ewiges Leben und Anerkennung auch einen Einsatz erfordert.

Was unter dem Einsatz zu verstehen ist, kann dann an dem Beispiel abgeleitet werden, das zur Einleitung der Abhandlung gebraucht wird:

„DIE Frau und ihr Sohn hatten Hunger. Gottes Prophet aber auch. Sie suchte gerade ein wenig Feuerholz zum Kochen zusammen, da bat Elia sie um Wasser und Brot. Sie war zwar bereit, ihm etwas zu trinken zu geben, doch alles, was sie noch zu essen hatte, war ,,eine Handvoll Mehl in dem großen Krug und ein wenig Oel in dem kleinen Krug.“ Diese Witwe in Zarephath konnte es sich eigentlich nicht leisten, dem Propheten etwas abzugeben, und ließ ihn das auch wissen (1. Kö. 1Zg-12). 2 Doch Elia beharrte auf seiner Bitte: ,,Mache mir von dem, was da ist, zuerst einen kleinen runden Kuchen, und du sollst ihn zu mir herausbringen, und für dich und deinen Sohn kannst du danach etwas machen. Denn dies ist was Jehova, der Gott Israels, gesprochen hat: ,Der große Mehlkrug selbst wird nicht erschöpft, und der kleine Ölkrug er wird nicht leer werden"'(1. Kö.1213,14)“.

Die Geschichte appelliert an das Gefühl. Eine arme Witwe und ihr Kind. Sie bereitet mit ihren letzten Vorräten eine Mahlzeit für den Propheten, - wir verstehen – der Einsatz ist: Alles was wir haben. Dass diese Schlussfolgerung kein Missverständnis ist wird mit den folgenden Ausführungen deutlich:

„Bei der Entscheidung, vor der die Witwe stand, ging es um viel mehr als nur um die Frage: ,,Was mache ich mit meinem letzten Bissen Brot? Sie musste sich überlegen ob sie darauf vertrauen wollte, dass Jehova sie und ihren Sohn retten würde, oder ob matedelle Bedürfnisse ihr wich tiger waren als die Anerkennung und Freundschaft Gottes.“

Eine unzweideutige Erklärung dafür, wie das Beispiel der Witwe anzuwenden ist.

Jeder von uns heute steht vor einer ähnlichen Frage. Was liegt uns mehr am Herzen: dass sich Jehova über uns freuen kann oder dass wir materiell abgesichert sind? Wir haben allen Grund, unserem Gott zu vertrauen und ihm zu dienen. Was können wir denn dafür tun, sein Wohlgefallen zu finden“?
Ohne Umschweife wird diese Begebenheit in unsere Zeit übertragen. Ohne Abstriche soll sich jeder eine ähnliche Frage stellen. Der Wunsch und die vernünftige Absicht, für eine materielle Absicherung zu sorgen, freut Jehova offenbar nicht. Die sublime Botschaft ist: Du hast doch kein Vertrauen zu Gott, wenn Du selbst für Deine materiellen Bedürfnisse im Alter vorsorgst.

Würdig, angebetet zu werden 4Jehova erwartet zu Recht dass Menschen ihm so dienen, wie er es sich wünscht.“ […]

In diesem Satz wird zwar nicht bewiesen, dass Jehova nur eine Anbetung von armen Menschen oder Witwen wünscht. Es wird auch so nicht offen gesagt. Auch hat es wohl wenig mit dem predigen der Guten Botschaft zu tun, dass eine Frau in Zarephat für einen Hungrigen Gast eine Mahlzeit kochte. Aber die sublime Botschaft könnte lauten: Wenn ich mich beruflich engagiere statt als Pionier zu arbeiten oder vermehrten Dienst zu tun, dann tue ich etwas, was Jehova nicht wünscht.

Der Mensch ist von Gott mit einem freien Willen ausgestattet worden, mit der Fähigkeit, zu denken und zu entscheiden' […]

Vordergründig eine klare Feststellung. Sublim jedoch auch ein erhobener Zeigefinger. ‚Wenn Du Dich falsch entscheidest, bist Du selber schuld. Was in Verbindung mit der Rückblende bis zu Adam und Eva auch nicht mehr zu bezweifeln ist.

„.. So ähnlich brachte Adam mit seiner Sünde alle seine Nachfolger um die Aussicht, ewig in Glück und Vollkommenheit zu leben. Wegen seiner Selbstsucht leidet die Menschheit seitdem unter der Unvollkommenheit wie unter einem grausamen Sklavenhalter. Niemandem ist es erspart geblieben, krank zu werden, Kummer und Leid zu erleben und schließlich zu sterben.
Warum sollte uns Gottes Liebe motivieren, ihm zu dienen? Jehova hat uns aus dieser Sklaverei samt ihren schrecklichen Begleitumständen freigekauft, indem er für das entsprechende Lösegeld gesorgt hat“ (Lies Römer 5:21) […]

In der Frage ist eine Doublebind Botschaft, die verwirrt. Wozu kann Liebe motivieren? Sie ist eine Emotion und kann erwidert werden. Also ich kann Gott auch lieben, wenn ich seine Liebe verspüre. Aber motiviert Liebe dazu bestimmte Anforderungen zu erfüllen? Entweder ich handle aus Liebe oder weil ich etwas schuldig bin oder weil es von mir verlangt wird. Aber wenn es erwartet wird, dann bin ich nicht mehr frei in meiner Entscheidung.
Wer hat mich von der Sünde erlöst? Jehova oder Christus? Was bedeutet das entsprechende Lösegeld? Kann man die Schuld der Sünde bemessen und bewerten? Der angeführte Bibeltext löst dann eine endgültige Verwirrung aus: „…so auch die unverdiente Güte als König regiere durch Gerechtigkeit zum ewigen Leben durch Jesus Christus, unseren Herren“ Es ist eine unverdiente Güte die durch Christus zum ewigen Leben führt.

Jehova wird nicht aufhören, jedem von uns auf ganz persönliche Weise zu zeigen, dass er ,,denen, die ihn ernstlich suchen, ein Belohner wird" (Heb 11:6),,Dein Volk wird sich willig darbieten" Um Gottes Anerkennung zu erhalten, müssen wir unsere Willensfreiheit richtig gebrauchen. Er zwingt nämlich niemand dazu ihm zu dienen.

Nachdem in Sachen Willensfreiheit bereits auf Adam und Eva verwiesen wurde, wird man sich hüten etwas anderes als das Empfohlene zu wählen. Wieder wird nachfolgend das Gefühl angesprochen.

Zur Zeit Jesaias fragte Jehova:\Wen soll ich senden, und wer wird für uns gehen?" Jehova respektierte das Recht des Propheten, selbst zu entscheiden, und erwies ihm dadurch Achtung. Kannst du dir vorstellen wie gut sich Jesaja gefühlt haben muss, als er antwortete: ., Hier bin ich! Sende mich"? (Jes 6:8)

Die sublime Botschaft lautet: Es fühlt sich gut an, wenn Du wie Jesaja antwortest.

Es steht Menschen frei, ob sie Gott dienen möchten oder nicht Jehova wünscht sich, dass wir uns gern dafür entscheiden. (Lies Josua 24:15) Wer ihm lustlos gezwungenermaßen dient, macht ihm damit keine Freude, genauso wenig wie jemand, der es nur deshalb tut, um bei anderen Menschen gut dazu stehen

Auch mit dieser Aussage ist eine Doublebind Botschaft – gegensätzliche Aussagen - verbunden. Steht es dem Menschen nun frei oder wünscht Jehovas etwas Bestimmtes? In dem angegebenen Bibeltext, sagt Josua zu dem Volk der Israeliten, es stünde ihnen frei zu wählen. Er und sein Haus haben sich für Jehova entschieden. Hier wird die Wahlfreiheit nicht durch eine bestimmte Erwartung eingeschränkt. Aber die sublime Botschaft in dem Wachtturm-Artikel lautet: Wenn Du Jehova so anbeten möchtest wie ER es will dann mach es genauso wie Jesaja oder Josua.

Würden wir zulassen, dass sich weltliche Interessen nachteilig auf unseren heiligen Dienst auswirken - wir ihn sozusagen nur zögernd verrichten -, könnten wir nicht damit rechnen, dass uns Jehova seine Anerkennung schenkt (2. Mo. 22:29). […]

Eine Behauptung, die so nicht bewiesen wurde. Ein in sich völlig widersprüchlicher Satz. Kann man mit der Anerkennung Jehovas rechnen wenn man etwas Bestimmtes tut oder wird sie uns geschenkt?
Der Bibelverweis bezieht sich jedenfalls auf die Vorschriften des Gesetzesbundes mit dem Volk der Hebräer. Sie hatten konkrete Vorgaben über die Abgabepflicht des Zehnten und der Erstgeburt. Wie soll man das auf das Gebot des Christus übertragen, der den Gesetzesbund mit an den Stamm genommen hat und das neue Gebot der Liebe gegeben hat? Wie viele Vorschriften und Forderungen hat er denn seinen Jüngern hinterlassen? Wäre es nicht weit hilfreicher Schrifttexte zu verwenden, die seine Lehren wiedergeben?

Das Leben vieler Menschen heute dreht sich ganz um finanzielle Sicherheit und Freizeit. Für uns aber, die wir Jehova lieben, kommt der heilige Dienst für ihn vor allem anderen. Welche Prioritäten wir in unserem Leben setzen, zeigt sich daran, wie eifrig wir die gute Botschaft predigen. wir vertrauen voll und ganz darauf, dass Jehova für unsere täglichen Bedürfnisse sorgen kann (Mat. 6:33,34)

Hier kommen wir also zu des Pudels Kern. Alles was in unserem Leben zählen sollte ist, für die Verbreitung der Botschaft zu sorgen, die in den Wachtturm-Schriften enthalten ist. Mat.6:33, 34 in dieser Verbindung angeführt erweckt den Anschein, als hätte Jesus selbst dazu den Auftrag gegeben. Doch der Kontext zeigt, dass er in Wirklichkeit nur tröstende Worte gesprochen hat. Er wollte, dass sich die Menschen nicht übermäßig um die alltäglichen Dinge des Lebens Sorgen machen sollten. Er wollte ihnen das Vertrauen in Gott vermitteln, der für alles sorgen kann, da er weiß was ein Mensch braucht. Verknüpft man diese Gedanken mit Matth. 25:31-40 dann versteht man, dass Jesus solche Menschen zu seiner Rechten einsammelt, die den Nächsten mit guten Taten lieben indem sie Hungrige speisten, Durstigen zu trinken gaben, Fremde gastfreundlich aufnahmen, Nackte bekleideten und Kranke besuchten. Es ist dort nichts von Predigen geschrieben. Aber diese Taten der Nächstenliebe sind nicht an eine Konfession gebunden. Auch von einer solchen Voraussetzung wird bei dieser Beurteilung von Gut und Böse nicht gesprochen.

Opfer, die Jehova gefallen
[…] Große Freude hat Jehova auch an Opfern, die sich aus unserer Fähigkeit, zu sprechen, ergeben. Von jeher haben Menschen, die Jehova liebten, in der Öffentlichkeit und zu Hause gut von ihm geredet (lies Psalm 34:7-3.) Man braucht nur Psalm 148 bis 150 zu lesen und darauf zu achten, wie oft wir darin aufgefordert werden, Jehova zu preisen - hat er das doch wirklich mehr als verdient! (Ps. 33:1) Jesus Christus, unser Vorbild, hat ja auch betont, wie wichtig es ist, Gott dadurch zu preisen, dass wir die gute Botschaft verkündigen (Luk. 4:18,43, 44).

Die sublime Botschaft lautet hier offenbar, der Haus-zu-Haus-Dienst ist ein Opfer für Jehova und je freudiger er getan wird, desto mehr freut sich auch Jehova. Wieder ist man aber verwirrt über die „Beweise“ aus der Bibel, die sich nicht wirklich auf die eigene Situation übertragen lassen. Die Psalmen beschreiben, dass man stets und überall Gott preisen kann. Jeder, der für sich persönlich eine Beziehung zu Gott hat wird das ganz automatisch tun, indem er sich über die Schöpfung freut, betet oder in privaten Gesprächen darüber spricht. Der Psalmen Schreiber schrieb für die Hebräer. Sie waren in einem besonderen Bundesverhältnis mit Jehova und ganz sicher keine Prediger der „guten Botschaft vom Königreich“. Das wird allerdings von Jesus Christus gesagt. Lukas Kapitel 4 berichtet von ihm, dass er gekommen war um den Gefangenen Freilassung zu predigen und den Armen eine gute Botschaft zu bringen (siehe die tröstenden Worte aus Matth.6 bereits beispielhaft erwähnt). Auch in den Versen 43 und 44 spricht er von sich selbst: Er muss noch anderen Städten die gute Botschaft predigen. In diesen Versen sind noch nicht einmal seine Jünger mit einbezogen.

An unserem Einsatz im Predigtwerk zeigt sich, wie sehr wir Jehova lieben und wie viel uns daran liegt, dass er sich über uns freut. […]Gehörst auch du zu denen, die Gott solche annehmbaren Opfer darbringen? falls noch nicht, dann lass dich bitte anspornen, die nötigen Voraussetzungen zu erfüllen, damit du Jehova öffentlich preisen kannst Treibt dich dein Glaube dazu an, mit dem Predigen der guten Botschaft zu beginnen, wird dein Opfer Jehova ,,mehr gefallen als ein Stier" […] Die Freude, die du dann empfindest, wird mit nichts zu vergleichen sein Jehova wird jeden Gerechten segnen.

Immer wieder wird dies wiederholt um es tief im Unterbewusstsein zu verankern. Der Einsatz im Predigtwerk ist ein Liebesbeweis. Man kann den Widerspruch nicht auflösen. Liebe als Emotion kann man nicht beweisen, nur fühlen. Niemand könnte vor Gericht „Liebe“ als „Beweismittel“ vorlegen um eine Schuld oder Unschuld zu beweisen.
Gleichzeitig verwirrt die Darstellung, dass wir für die unverdiente Güte, die wir geschenkt bekommen, eine Gegengabe bringen müssen. Wir wären das unsererseits schuldig und zwar es „freiwillig“ und „freudig“ zu predigen. Eine wirklich unauflösbare, gegensätzliche Botschaft die deshalb einfach geglaubt wird, weil man keine andere Lösung dafür findet.

[…]Es war der Teufel, der Eva damals einredete, das wunderbare
Leben, das Jehova ihr in Aussicht stellte, sei nichts wert, und sie könne gut auf seine Anerkennung verzichten. Auch heute bombardiert Satan die Menschen mit der Propaganda Gottes Willen zu tun sei der Mühe nicht wert. Doch Eva und ihr Mann mussten feststellen: Wer Gottes Wohlwollen verliert, verliert sein Leben. Mit derselben bitteren Wahrheit werden bald alle konfrontiert werden, die heute ihrem schlechten Beispiel folgen

Sublim also die Drohung: Wenn Du Dich nicht auf das ewige Leben freust und den Lohn den Jehova den Predigern gibt (Nicht die Wachtturm-Gesellschaft wird die Versprechungen einlösen müssen), dann bist Du mit dem Teufel im Bunde.

Menschen, die seine Anerkennung haben, überlässt er nie sich selbst das beweisen auch unzählige Erlebnisse von Zeugen Jehovas unserer Zeit (Ps.34:6,7, 17_79)."22 Sehr bald wird Gottes Gerichtstag ,,über alle die kommen, die auf der ganzen Erdoberfläche wohnen', (Luk. 21:34, 35). Niemand kann ihm entkommen. Kein Reichtum und kein Komfort wird dann auch nur annähernd so wertvoll sein wie die Einladung des von Gott eingesetzten Richters:, ,Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet worden seid, erbt das Königreich, das ... für euch bereitet ist,, (Mat. 25:34).

Wer so ausreichend in seinem Unterbewusstsein die Drohbotschaften gespeichert hat und nun auch noch den Hinweis bekommt, dass „sehr bald“ Gottes Gerichtstag kommt, wird sich vielleicht auch wieder veranlasst fühlen, Häuser zu verkaufen, eine Karriere zu beenden oder eine Lebensversicherung vorzeitig zu kündigen um das zu tun, was eine Leitende Körperschaft als Gottes Willen darstellt.

„Wir kennen bestimmt das gute Gefühl, das sich einstellt, wenn man das Richtige tut“.

Mittwoch, 8. Dezember 2010

Sind Jehovas Zeugen dumm?

Viele fragen sich, wie können diese Leute den Lehren-Klamauk glauben, trotz der vielen falschen Endzeitdaten, die sie bereits verkündet haben?
Man ist verwundert, wenn man erfährt, dass es auch Akademiker, Künstler und Wissenschaftler in ihren Reihen gibt. Ist ein hoher oder niedriger IQ Voraussetzung dafür, von einer fragwürdigen Ideologie gefangen zu werden?
Schützt ein Hochschulstudium vor Fanatismus oder religiöser „Blindheit“?
Die Erfahrung und wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass die Entscheidung für eine neue Glaubenslehre mit dem Gefühl getroffen wird. Das bedeutet, zuerst muss der Verstand in seiner Funktion so manipuliert werden, dass er die Funktion der Prüfung und Überwachung von Entscheidungen verliert.
Mit anderen Worten, die Werber für eine neue Religionsgemeinschaft erwecken den Eindruck, dass es verkehrt ist, seinen eigenen Gedanken zu vertrauen. Sie stellen geschickt die fremden, neuen Gedanken als zuverlässige Wahrheit dar, der man getrost vertrauen kann.
Wie dieses Ziel durch die Organisation der Zeugen Jehovas erreicht wird, kann man dem „Rat“ in ihren Wachtturm-Schriften entnehmen.
Nur ein Beispiel von vielen sei ein Zitat aus dem Wachtturm vom 15. Juli 1967:
„Unter Studium mögen wir harte Arbeit, vor allem Sucharbeit, verstehen. In Jehovas Organisation braucht man jedoch nicht eine Menge Zeit und Kraft für Sucharbeit zu verwenden, denn es gibt in ihr Brüder, die mit dieser Arbeit betraut worden sind, um dir, der du hierfür nicht soviel Zeit hast, zu helfen. Diese Brüder bereiten den guten Stoff vor, der in der Zeitschrift ‚Der Wachtturm‘ und in anderen Publikationen der Gesellschaft erscheint.“
Durch die scheinbar liebevolle Begründung und die gewonnene Überzeugung, dass es sich um die reine Wahrheit handelt entwickelt man das Vertrauen und die Gewohnheit auf eigenes Denken und Forschen zu verzichten.
In der Sozialpsychologie wird das abweichende, individuelle Verhalten, dass durch die abweichende Begrifflichkeit verschiedener Worte erreicht wird, Idiosynkrasie bezeichnet. Auch diese Methode kann in der Vorgehensweise der Wachtturm Gesellschaft beobachtet werden. Sie gibt vielen alltäglichen Worten eine Wachtturm spezifische Bedeutung. Die „reine Sprache“ erlernen gilt als „christliches Erfordernis“ man soll sich „von der Welt“ unterscheiden. Das appelliert an eine vielleicht unbewusste Sehnsucht nach Zugehörigkeit zu einer Gruppe.
Einige Idiosynkrasien entwickeln sich aus einer emotionalen Miteinbeziehung heraus.
Die Glaubenslehre spricht das Gefühl an. Sie schaltet damit den Verstand aus. In diesem Zustand ist der Mensch wehrlos gegenüber Idiosynkrasien, denn sie fordern das „Wir-Gefühl“. In der blitzartigen, fast reflexhaften Gemeinsamkeit entsteht das größte Triumph Gefühl: Das ist Wahrheit, die einzige Wahrheit.
Die Basis für neue Gedanken sind also Emotionen. Angst, Furcht, Freude, Hoffnung. Bevor jemand einem Bibelstudium zustimmt, hat er womöglich ein Stimmungstief. Er reagiert emotional dankbar auf freundliche Zuwendung, ohne zu wissen, dass diese nach der Taufe durchaus vorbei sein kann.
Doch durch diese Emotionen wird die neue „Erkenntnis“ kritiklos von unserem Gehirn akzeptiert und verankert. Die Art des Bibelstudiums erfordert kein eigenes kritisches Denken. Der Stoff ist in der Literatur vorgegeben. Durch Wiederholung in Form von lautem lesen, Fragen stellen, die vorgegebene Antwort laut aussprechen, werden mehrere Wahrnehmungskanäle systematisch benützt um das Gedankengut unauslöschlich im Gedächtnis zu verankern.
Sehen, hören, sprechen und häufiges Wiederholen wird gebraucht um dem vermittelten Gedanken Nachdruck zu verleihen. Damit kann das Umprogrammieren des Sinnes sehr wirkungsvoll erfolgen.
So vermitteln Jehovas Zeugen die Botschaft:
Nur wir haben die Wahrheit, folglich Information nur von uns entgegennehmen.
Keine eigenen Nachforschungen anstellen, denn alle Ehemaligen lügen und weltliche Weisheit ist Torheit bei Gott.
Der Teufel ist der Gott der Welt um uns herum, daher ist alles was nicht zu uns gehört böse.
Er stellt den Zeugen Jehovas ständig nach und benützt selbst unsere besten Freunde und Angehörigen als Werkzeug, um uns im Glauben schwach zu machen.
Auch diese Gedanken werden Emotional vermittelt. Es gibt nur schwarz/weiß. Zeugen Jehovas sind die Guten, die anderen die Bösen. Zeugen Jehovas haben die Wahrheit, alle anderen lügen wenn sie ihrer Wahrheit widersprechen.
Weil Jehovas Zeugen gezielt zu diesem schwarz/weiß Verhalten manipuliert werden, ist es ihnen nahezu unmöglich im normalen Leben die Wahrheit von der Unwahrheit zu trennen. Die kognitiven Prozesse in unserem Gehirn laufen in einer Sphäre ab, die wir nur schwer kontrollieren können.
Das durch das sogenannte „Bibelstudium“ eingeprägte Wissen beeinflusst die aktuelle Wahrnehmungsmöglichkeit. Wer durch ein solches Studium zu einem Zeugen Jehovas gemacht wird, hat eine Bewusstseinsveränderung durchgemacht.
Das Fazit ist, Jehovas Zeugen sind nicht dümmer als der Durchschnitt der übrigen Bevölkerung. Sie hatten nur das Pech, zum falschen Zeitpunkt – als sie emotional dafür empfänglich waren – mit den falschen Leuten in Kontakt zu kommen.
Über den Weg der Emotionen kann der Verstand dazu gebracht werden Neues ohne Prüfung zu übernehmen. Wenn es erst übernommen und in unserem Bewusstsein gespeichert ist, wird es als richtig erkannt und durch die ständige Beeinflussung durch die Zusammenkünfte und Versammlungsaktivitäten lebendig gehalten.

Dienstag, 30. November 2010

Jehovas Zeugen und ihre Ängste 3

3. Angst vor dem Versagen
Sind alle Menschen gefährdet?
Leiden alle Zeugen Jehovas unter Ängsten?
Grundsätzlich NEIN.
Da wir Menschen immer von unserem Umfeld geprägt und konditioniert werden, ist jeder individuell mehr oder weniger betroffen.
Wer bereits als Kind erlebte, dass nur Brav sein und Gehorsam Zuwendung brachte, Ungehorsam dagegen sofort mit Liebesentzug und Strafe geahndet wurde, wird sehr viel anfälliger sein für die Drohung, dass Jehova alles sieht und bestraft.
Wer als Kind die absolute Loyalität der Eltern verspürte, die auch mal eine Dummheit vergeben haben und mit Gelassenheit und Solidarität reagierten, wird sehr viel selbstbewusster mit den eigenen Fehlern und den Fehlern anderer umgehen können.
Die von der Angst betroffenen Gläubigen – vermutlich nicht nur bei den Zeugen Jehovas – bangen um ihre Errettung, wenn sie versagen sollten.
Unter Versagen verstehen Jehovas Zeugen unter Umständen, dass sie zu wenig Zeit für ihren Predigtdienst – wie sie das Missionieren von Haus zu Haus und auf den Straßen nennen –, sowie das persönliche Studium der Wachtturm-Schriften und den Besuch aller Zusammenkünfte, einsetzen. Viele bewerben sich für vermehrten Predigtdienst-Einsatz zum Beispiel als Hilfspioniere, obwohl sie physisch und psychisch dazu bei vernünftiger Einschätzung ihrer persönlichen Grenzen, nicht in der Lage sind. Trotz vorübergehender Erleichterung ihres schlechten Gewissens, verschlechtern sie ihre Gesundheit damit erheblich. Die Erklärung dafür suchen sie aber kaum jemals in den für sie zu hohen Anforderungen. Dafür findet man viele Ausreden, wie Sorgen, Stress im Beruf, das Wetter und vieles Andere.
Ein sehr großes Problem ist für viele das weite Feld der moralischen Anforderung, die man angeblich unter der Leitung des Geistes als Rat an die Gläubigen vermittelte und zu erfüllen hat um die „Versammlung rein zu erhalten“.
Das beginnt damit, dass niemand rauchen darf, Alkohol nur in Maßen genossen werden darf und natürlich niemand Drogen nehmen darf. Freunde, die keine Zeugen Jehovas sind, werden „Weltmenschen“ genannt. Man betrachtet sie als „schlechten Umgang“, weil „schlechte Gesellschaft nützliche Gewohnheiten“ verdirbt und sie sollen gemieden werden. Daraus ergibt sich zwangsläufig, dass eine Beziehung zu nicht Zeugen grundsätzlich nicht erwünscht ist.
Alle Feste und Traditionen, deren Ursprung man auf Religion außerhalb der Wachtturm Religion zurückführen kann – wie Weihnachten, Geburtstage, Ostern, aber auch Fasching, Nikolaus, Halloween und Bräuche im Zusammenhang damit – sind zu vermeiden.
Diese Anforderung bedeutet für die Zeugen Jehovas entweder auf die Gemeinschaft mit der Familie und den Freunden zu verzichten die keine Zeugen Jehovas werden wollen und „Gehorsam“ zu sein, oder trotzdem zu feiern und damit das Gewissen zu belasten. Kaum jemand von den gläubigen Zeugen Jehovas wird das schaffen. Aber die Isolierung von allen Familientraditionen ist eine sehr große Belastung. Man muss den Verlustschmerz ständig verdrängen und sich mit den Versprechungen trösten, dass man ja ‚dadurch das Herz Jehovas erfreut, damit er dem der ihn schmäht – Satan dem Teufel – eine Antwort geben kann‘.
Vielleicht das schwierigste Feld sind die Ratschläge für die Sexualität. Selbstverständlich ist Sex außerhalb der Ehe tabu. Aber hier gibt es schon sehr enge Grenzen dafür was noch erlaubt ist und in welchen Fällen es bereits erforderlich ist, dass sich Älteste darum kümmern müssen, bis hin zur Verhandlung vor einem Rechtskomitee.
Selbst sexuelle Praktiken innerhalb der Ehe sind mit bestimmten Bewertungen belegt. So wird oraler und analer Verkehr mit Homosexualität verglichen und gilt als schwere Verfehlung. Sensible Ehepaare können unter Umständen nur gemeinsam Sex haben, wenn sie vorher gebetet haben und das Gefühl haben können „Jehova sieht sie“ und sie machen alles richtig.
Auszüge aus den entsprechenden Veröffentlichungen in den Wachtturm-Schriften siehe mein Buch:
Mara im Kokon, ein Leben unter Wachtturm-Regeln, erschienen im Engelsdorfer Verlag Leipzig

Montag, 29. November 2010

Jehovas Zeugen und ihre Ängste 2

2. Harmagedon
Aus der Grundangst vor der Sünde gegen den Heiligen Geist geht die Angst vor Harmagedon hervor.
Dieses Wort steht für das Gottesgericht oder die „große Schlacht Gottes des Allmächtigen“. Wer in dieser Schlacht „vernichtet“ wird, hat nach dem Glauben der Zeugen Jehovas keine Aussicht auf eine Auferstehung und auch kein Recht auf ewiges Leben im Paradies auf Erden, denn er ist von Gott persönlich als Sünder mit dem ewigen Tod bestraft.
Die Angst vor Harmagedon wird instrumentalisiert um immer wieder zu eifrigem Predigen anzustacheln. In der Neuzeit ist dafür ein sehr gutes Beispiel die Endzeitprognose 1975.
Dieses Datum errechnete sich aus dem Glauben, dass im 20. Jahrhundert der 7000 Jahre dauernde Ruhetag Gottes enden und die tausendjährige Friedensherrschaft des Christus beginnen sollte. Als Beweis dafür konstruierte man eine Berechnungsformel nach der die Erde in 6 mal 7000 Jahren von Gott erschaffen wurde und danach eine Ruheperiode oder Sabbatzeit von 7000 Jahren begann. Der letzte Akt der Schöpfung war die Erschaffung Adams. Die wäre im Jahre 1975 genau 6000 Jahre zurückliegend. Der Beginn der letzten 1000 Jahre der Ruhezeit Gottes sollte von Christus genützt werden um die Erde wieder in ein Paradies zu verwandeln.
Dafür musste er wohl oder übel zuvor alles „Böse“ im Krieg von Harmagedon vernichten.
Jehovas Zeugen fühlen sich von Matthäus 24 Vers 14 „Diese gute Botschaft vom Königreich muss gepredigt werden, allen Nationen zu einem Zeugnis und dann wird das Ende kommen“, beauftragt, weltweit vor Harmagedon zu warnen. Je glaubwürdiger man ihnen vermittelt, dass das Ende nun unmittelbar bevor steht, desto eifriger sind sie bereit zu „predigen“ und die Wachtturm-Literatur zu verbreiten.
Im Beispiel 1975 kann man das sehr gut an den Erfolgszahlen ablesen:
In der Zeit von 1870 bis 1968 gab es weltweit insgesamt circa 1.156.000 Zeugen Jehovas. Von 1968 als zum ersten Mal die Endzeitprognose 1975 anlässlich der Kongresse vorgestellt wurde, bis zum Jahre 1975, stieg die Zahl um mehr als 1.000.000 auf rund 2.180.000 getaufte, aktive Zeugen.
In regelmäßigen Abständen wird seither immer und immer wieder in Veröffentlichungen der Wachtturm-Gesellschaft mit scheinbar vom heiligen Geist geleiteten Ausführungen der „Leitenden Körperschaft“ auf das nun noch dringlicher zu erwartende Ende verwiesen und zum „Schlusszeugnis“ aufgerufen.
Die Zeugen Jehovas, die im allgemeinen friedliebende, hilfsbereite und gutmütige Zeitgenossen sind, müssen dabei die Tatsache für sich komplett verdrängen, dass ihre vermeintlich „gute Botschaft“ in Wirklichkeit Horror hoch drei ist.
Ihre Aussage ist ja tatsächlich: ‚Wir sieben Millionen Zeugen Jehovas werden gerettet (das müssen sie fest und ehrlich glauben, wenn sie nicht vor Angst verzweifeln sollen) und sieben Milliarden Menschen werden in einem nicht vorstellbaren Blutbad von Gott vernichtet und es werden die Vögel des Himmels kommen und die Fleischteile der Getöteten fressen‘. Natürlich sieht ein Zeuge Jehovas seinen frustrierenden Einsatz im „Predigtdienst“ nur darum als gut und notwendig an, weil er Menschen vor dieser Katastrophe „retten“ will. Nie kommt er auf die Idee, dass er von einem Druckereikonzern unentgeltlich als „Werber“ gebraucht wird, der sogar noch die von ihm verbreitete Literatur durch seine eigenen freiwilligen Spenden finanziert.
Wie ich die Zeit um 1975 erlebt habe siehe „Mara im Kokon“ ab Seite 157