Samstag, 18. Dezember 2010

Weihnachten 1947

Im Mai 1947 war unsere Odyssee endlich zu Ende. Nach acht langen Monaten waren wir nach unserer Flucht aus Jugoslawien über Österreich endlich in Weilheim bei meinem Vater angekommen. Meine Mutter und ich waren so sehr abgemagert, dass man um unser Überleben bangen musste. Meine beiden jüngeren Schwestern waren zwar traumatisiert und verängstigt aber körperlich noch einigermaßen stabil.
Nachdem meine Eltern unseren Garten, der zu dem Behelfsheim gehörte, das mein Vater als Betriebswohnung bekommen hatte, bestellen konnten und im Herbst eine gute Ernte an Kartoffeln, Möhren, Sellerie, Kohl, rote Beete, grüne Bohnen, Zwiebeln, Tomaten, Erbsen, Gurken und Salat hatten, war unsere Versorgung mit Nahrungsmitteln,relativ gut. Vor der Währungsreform war das nicht selbstverständlich. Die Zuteilungen auf die Lebensmittelkarten waren sehr knapp bemessen und in den Läden gab es ohne die Marken kaum etwas zu kaufen. Aber Mutter und Großmutter haben, wie in alten Zeiten, alles was an Obst und Gemüse nicht sofort verbraucht werden konnte konserviert und im Keller einen beachtlichen Wintervorrat angelegt.
Langsam haben wir die Überlebenstechniken gelernt und mit der etwas besseren Ernährung konnten wir uns auch ein wenig erholen.
Ich liebte es wenn wir zusammen mit unserem Vater am Samstag- oder Sonntagnachmittag in der Küche saßen. Mutti hatte meistens einen Hefekuchen gebacken. Es gab Malzkaffee. Er hieß Frank Kathreiner. Wir hatten keine Kaffeemaschine oder Kaffeefilter. Man brachte einfach das Wasser zum kochen und tat das Kaffeepulver hinein, ließ es kurz ziehen und dann wurde der Kaffee durch ein Teesieb in die Tasse gegossen. Natürlich war am Schluss auch noch Kaffeesatz in der Tasse, aber was machte das schon. Vati sagte, wenn ich mich etwas davor graute, der macht schön und dann habe ich versucht die rauen Brösel zu schlucken.
Papa erzählte von früher. Wie er von Tscherwenka nach Stanischitsch mit dem Fahrrad fuhr um Mutti zu besuchen. Von den Theaterstücken, in denen er mit Mutti und ihren Schwestern mitgewirkt hat. Er sang auch oft die alten Lieder. Ich konnte ihm dann stundenlang lauschen. Ich hatte großen Spaß, wenn er mit mir tanzte:
„Es geht nichts über die Gemütlichkeit, hajo, ahso. Haben wir kein Geld, hams die andern Leut’, hajo, ahso.“
An einem solchen, gemütlichen Nachmittag klopfte es an unserer Türe und ein freundlicher, älterer Herr bot ein Gespräch über die Bibel an. Großmutter hatte ihm aufgemacht. Als sie Bibel hörte, rief sie: „Heinrich komm her, des is was für dich. Des kannscht dir ruhig anhören, des is von der Bibel.“
Vati hätte sich nicht getraut, seiner Mutter zu widersprechen. Er ging zur Türe, hörte sich an, was der Herr zu sagen hatte und dann wandte er ein: „Ich will nichts mehr mit der Kirche zu tun haben. Ich habe an der Front gesehen, wie die Pfarrer die Waffen gesegnet haben. Dann haben sie die Soldaten in den Tod geschickt und selber blieben sie in sicherer Entfernung. Wenn das Gottes Wille war, dann will ich damit nichts mehr zu tun haben.“
„Das war nicht Gottes Wille“ antwortete der Besucher ruhig. „Der Krieg war eine Missachtung des 5. Gebotes in 2. Mose Kapitel 20 Vers 13: Du sollst nicht morden. Allerdings hat Gott in der Bibel vorausgesagt, dass ungehorsame Menschen in der Zeit des Endes große Kriege führen werden. Die Zeugen Jehovas haben den Kriegsdienst verweigert und wurden von Hitler in die Konzentrationslager gebracht und viele von ihnen starben.“
Er bot Vati ein Buch an mit dem Titel „Die Wahrheit wird euch frei machen“ an, in dem mehr darüber erklärt würde und das hilft die Bibel besser zu verstehen. In diesem Buch war eine Abhandlung darüber, dass Christus im Jahre 1914 im Himmel sein Königreich aufgerichtet habe.
Das Argument, dass die Zeugen Jehovas Kriegsdienstverweigerer waren, beeindruckte meinen Vater sehr aber er hatte es nicht so mit lesen – verständlicher Weise – wenn man bedenkt wie wenig Schule er besuchen konnte. Deshalb fragte er Mutti, ob sie das Buch haben möchte. Sie interessierte sich schon dafür, weil sie die Bibel gerne besser verstehen wollte und so überließ uns der nette Herr das Buch.
Als er wieder kam um zu hören wie es uns gefallen hat, hatte Mutti noch nicht viel gelesen und Vati gar nichts. Da bot er uns an, wöchentlich gemeinsam mit meinen Eltern das Buch zu besprechen und dann auch gleich alles was sie nicht verstehen sollten zu erklären. Meine Eltern waren von dem großzügigen Angebot sehr beeindruckt. Dass sich ein fremder Mensch so sehr darum bemühte, ihnen die Bibel zu erklären konnten sie kaum fassen. Sie waren damit einverstanden und so kam es dass wir ein sogenanntes Bibelstudium mit einem Bibelforscher hatten.
Die Wochen und Monate vergingen und wir bereiteten uns auf das erste Weihnachtsfest seit langem mit der ganzen Familie vor. Unser Vater besorgte während eines Sonntagsausfluges in den Wald einen kleinen Tannenbaum. Er hatte dafür extra seinen Fuchsschwanz, wie er seine Handsäge nannte, eingesteckt. Da schon ziemlich viel Schnee lag, war es gar nicht so leicht, einen passenden Baum zu finden.
Am Nachmittag des 24. Dezember, als wir Kinder sehr ungeduldig auf das Christkind warteten, sagte unsere Großmutter plötzlich, „kommt, wir wollen uns das Christkind in der Krippe anschauen“. Ausgerechnet jetzt, wo es jeden Moment zu uns kommen sollte, wollte Oma mit uns in die Stadt gehen. Es war doch so kalt und der Weg so weit und zu Hause war es viel spannender! Aber es gab keine Widerrede. Wenn Großmutter etwas anordnete hatten wir zu gehorchen. Sie ging also mit uns in die Stadt spazieren. Das hat es vorher noch nie gegeben. Wir besuchten die Ausstellung einer Weihnachtskrippe im Heilig Geist Spital. Sie war beleuchtet und die Figuren bewegten sich. Wir staunten mit großen Augen. Das Jesuskind in der Krippe flößte mir ehrfurchtsvolle Scheu ein. Die Hirten mit ihren Schafen die zu Maria und Josef kamen, waren so lebensecht. Ich war sehr beeindruckt. So war ich doch noch versöhnt und sehr berührt von dem, was wir gesehen haben.
Als wir dann um 5 Uhr abends nach Hause kamen, war das „Christkind“ natürlich schon da. Wir hatten es verpasst! Aber es hat uns einen geschmückten Tannenbaum gebracht. Ich fühle noch heute die Überraschung, mit der ich in der fast dunklen Küche diesen glitzernden Baum erkannt hatte. Das Lametta war – so vermute ich heute – noch von Weihnachten des Vorjahres. Wo sie die roten und weißen Kugeln aufgetrieben hatten, ist mir bis heute schleierhaft. Damals war es natürlich vom Christkind. Mutti zündete die Kerzen am Baum an. Das Glitzern war so feierlich und wir Kinder staunten mit offenem Mund und glänzenden Augen. Da ging plötzlich die Türe auf und ein neuer Schlitten polterte in die Stube. Das war vielleicht ein Hallo! Es gab doch tatsächlich eine echte Bescherung an diesem Weihnachtstag.
Damals ahnte ich noch nicht, dass es die allerletzte meines Lebens sein sollte.
Am ersten Weihnachts-Feiertag war der Besuch des Gottesdienstes Pflicht.
Für das Mittagessen hatte meine Mutter Rindssuppe vorbereitet, die ich so liebte. Als Nachtisch gab es Schaumknödel. Die werden mein Leben lang zu meinem Lieblingsnachtisch gehören.
Die Krönung des Tages war aber dann am Nachmittag die Crembit.
Es ist ein Rezept aus der Zeit der Österreich-ungarischen Donaumonarchie. Es sind mit einer köstlichen Vanille-Butter-Creme gefüllte Blätterteig Platten.
Während die Mama die Cremestückchen aufteilte lief mir das Wasser im Munde zusammen und ich konnte es kaum erwarten, bis wir endlich davon essen durften.
Weihnachten 1947 lag schon ziemlich viel Schnee. Darum gingen wir mit Vati anschließend zum Schlittenfahren. Dieser Schlitten war uns für die nächsten Jahre ein treuer Begleiter im Winter. Ich habe so manches Mal meine kleinen Geschwister mit ihm transportiert.
Weihnachten 1947 war ein unvergessliches Fest. Ein letztes Mal konnten wir unbeschwert eine Tradition mit der ganzen Familie feiern.
Wie es dazu kam erzähle ich in meinem Buch "Drei Wege - ein Ziel - Überleben"

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